Dienstag, 15. November 2016

Gefangen zwischen Schwarz und Weiß

"Frau Eremitin, ich frage Sie nochmal: Wie sollen wir hier weitermachen? Sie sind am Drücker."

Ich winde mich. Überlege. Es geht um meinen Aufenthalt in der Klinik. Ich habe geäußert, überfordert zu sein. Und nun kämpfe ich mit der Option zu gehen oder zu funktionieren und den Alltag hier zu bewältigen. Ersteres macht mich nicht glücklich, denn ohne "weitergehen" wird sich auch nichts ändern. Letzteres macht mich gerade echt fertig.

"Gnadenschuss? Und sie verscharren mich hinten im Klinikgarten? Dann wäre die Sache endlich erledigt."

"Frau Eremitin, das ist nicht witzig. Darüber werde ich nicht lachen. Nie."

Schweigen.

"Zum letzten Mal, wie sollen wir hier weiter machen? Ich werde Ihnen die Antwort nicht vorgeben. SIE entscheiden."

Stille.

"Was soll ich denn machen? Ich will weitermachen, aber ich packe den Tag nicht. Und jetzt?"

"Sie verführen mich schon wieder dazu, Ihnen die Antwort vorzugeben... Die Welt besteht nicht nur aus Schwarz oder Weiß. Es gibt auch Graustufen. Was wäre eine Graustufe?"

Oh Mann... Heute schafft er mich echt. "Walking the middle path", ich verstehe.
Ich bekomme einen Wochenstrukturplan und darf streichen, was davon ich nicht packe.
Für mich bislang undenkbar. Ich kenne nur "funktionieren" oder "nicht funktionieren".

"In der Arbeitswelt wird es den Arbeitgeber aber auch nicht interessieren, wie viel ich wirklich verkrafte. Der will meine volle Leistung."

"Sie sind jetzt aber hier und noch nicht auf der Arbeit."

"Aber... Das ist doch das langfristige Ziel?"

"Ja, aber um dahin zu kommen, sind Zwischenschritte notwendig."

Middle path. Da isser ja schon wieder.

"Aber ich habe schon oft wieder angefangen und es dann nicht gepackt. Mein Innerstes hat sich nicht geändert, egal wie sehr ich mich angestrengt habe."

"Sie stehen heute woanders als vor zwei Jahren. Dass das alles nichts bringt, diese Meinung teile ich mit Ihnen nicht."

Er notiert etwas. Habe ich gesagt, dass das alles nichts bringt? Das irritiert mich jetzt.
Natürlich hat es was gebracht, aber... Da gibt es noch sehr tiefsitzende Dinge. Und an denen zerre ich mir die Arme wund. Sieht er das nicht, oder liege ich falsch?
Oder ist das schon wieder schwarz-weiß gedacht?

"Solange Sie hier sind, müssen Sie mir versprechen, sich nichts anzutun. Deal?"

Ja...

Ich stehe im Gang und halte den Plan in der Hand.

Er steht hinter mir und sagt irgendwas. Was passiert hier gerade? Ringe ich mit einem Psychologen (und um was eigentlich)? Sieht ganz so aus.

Nein, kein Händeschütteln. Jetzt keine Berührungen, alles zu viel. Er geht, und ich greife zum Rotstift.

Hilfreich, wenn einem jemand mal vor Augen führt, wie man eigentlich tickt. Und anstrengend.

Unendlich anstrengend. Und manchmal... Gnadenlos.

Kommentare:

  1. Kenne ich. Das Problem hatte ich während der REHA auch. Totale Überforderung mit dem Schrott, den sie mir reingedrückt hatten. Hauptsache mit dem vorgegebenen Pensum fertig werden und funktionieren.

    1 Stunde Walken um 7 Uhr, VOR dem Frühstück … ich bin bald Amok gelaufen. Musste mich dann in der ersten Stunde auch noch von der Sporttherapeutin vor versammelter Mannschaft 5 Minuten lang runterputzen lassen, weil ich es gewagt habe, 10 Sekunden stehen zu bleiben, um im Park eine zahme Katze zu streicheln. Direkt Nervenzusammenbruch bekommen und nur noch geheult …
    Bis ich mich über die Trulla beschwert habe, brauchte es eine ganze Woche und zwei weitere Therapeuten, denen ich mich irgendwann anvertraut habe. Daraufhin habe ich Walken ersatzlos streichen lassen.

    Ergotherapeutisches Malen hat mich psychisch jedes Mal bis an die Grenze gebracht. Traute mich aber nicht, das auch noch abzuwählen.

    Am letzten Tag war der Stundenplan so proppenvoll, dass ich nur noch dachte "Leckt mich am Arsch!" und habe 3 Kurse geschwänzt.

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  2. Die Idee mit der Liste, aus der man Aktionen streichen kann, finde ich richtig gut. Gerade weil es nicht nur schwarz oder weiß gibt - und man nicht mit einem einfachen Ja oder Nein auf eine Frage antworten kann.
    Ändert man sein Innerstes denn? Ich weiß das gar nicht so genau. Aber trotzdem können sich eigene Verhaltens- und Handlungsweisen ändern. Sehe ich am lebenden Beispiel. An mir :)

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