Mittwoch, 31. August 2016

Raten Sie mal!

Der Musiktherapeut legt eine CD ein und bittet uns zu überlegen, von welchem Kontinent oder Land die Musik stammen könnte, die wir gleich hören werden.

Zu hören: Meeresrauschen und irgendwas Getrommeltes und Gezupftes, was ich nicht einordnen kann. Mit Musikinstrumenten hab´ ich es leider nicht so. Die Musik ist irgendwie "luschig", nach ein paar Sekunden habe ich gedanklich abgeschalten.

"Wie wirkte es auf Sie?", fragt er.

"Beruhigend, gleichförmig, angenehm, harmonisch", schwärmen die Patienten.

"Und auf Sie?"

"Das Meeresrauschen war noch ganz schön, aber dann wurde es langweilig."

"Langweilig?"

Die Augenbraue des Therapeuten rutscht nach oben.

"Ok, dann raten Sie mal, woher diese Musik stammen könnte."

"Mittelmeer? Indien?", raten die Patienten.

Der Therapeut hält den Rücken der CD-Hülle vor sich und dreht sie um.

"Bali."

"Das konnte man schon vorher lesen", informiere ich ihn. "Auf der Rückseite steht es auch." Bali- Klänge. Ich deute mit dem Finger darauf.

Seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten, aber er macht eine angedeutete Bewegung, als wolle er mir mit der Hülle auf die Finger klopfen.

"Sie sind ein Fuchs!", brummt er.

Kicher.

Freitag, 26. August 2016

Abendstimmung

Nebenan spielen Vater und Sohn Fußball.
Sie summen dazu den Titelsong aus "Fluch der Karibik".

Da da damm damm da da damm damm
da da damm damm da da damm.

Da da damm damm da da damm damm
da da damm damm da da damm.

Der Ball klatscht immer wieder an den Zaun, es scheppert.

Ich beobachte eine Nacktschnecke, die am leer genagten Gerippe einer Chrysantheme entlang kriecht.

Tja, nix mehr zu holen. Mistvieh.

Der rote Stier scharrt mit den Hufen.

Die Worte einer Krankenschwester hallen mir im Kopf nach.
"Das ist das Leben."

Sieht so aus.

Hatte mir das alles irgendwie spannender vorgestellt.

Reittherapie

"Sie sind wirklich noch nie geritten?"
"Nein."
Ich verkneife mir den ollen Heidi Klum- Kommentar und folge meiner "Führerin" (ein junges Mädel, das auf dem Hof aushilft) in den Stall.
Mona ist ein großes braunes Pferd mit dicken Stampfbeinen und grauer Zeichnung. Keine Ahnung, wie die Rasse heißt, ist auch egal. Mona steht abgewandt und wirkt, als ob sie in Ruhe gelassen werden will. Irgendwie tut sie mir leid.

Mona wird angebunden, das Mädel zeigt mir, mit welchen Bürsten man Fell und Mähne pflegt, und leitet mich beim Hufe auskratzen an. Mona bekommt verschiedene Utensilien verpasst, eine Decke, einen Gurt, Halfter, einen Gehörschutz (so ein Stoffteil, was über die Ohren gezogen wird).

Mona sieht immer noch so aus, als würde sie den Kopf hängen lassen. Irgendwann hebt sie ihn aber doch und nickt zwei mal nach oben.

"Ich glaube, Mona freut sich", sagt das Mädel. Mona wäre die letzten Tage wegen einer Hufverletzung schlecht drauf gewesen.

Ich bekomme einen Helm und darf mittels einer Rampe aufsteigen. Ich mache mir die ganze Zeit Gedanken, ob ihr das nicht weh tut, mich als Gewicht auf dem Rücken zu tragen.
"Die Mutigste voran", sagt die Therapeutin. Mona wird an die Spitze des Zugs geführt. Wir traben los. Es schaukelt hin und her. "Becken nach vorne", korrigiert mich die Therapeutin.
Brennende Sonne, Maisfelder, Koppeln, strahlend blauer Himmel.

Das Mädel läuft vor mir her und führt Mona an einer Leine. Widerstehe dem Impuls, ihr das Teil aus der Hand zu reißen und davon zu reiten. Lass uns frei sein Mona. Wir hauen jetzt ab und wenn ich weit genug weg bin, nehme ich dir den Kram ab und lasse dich laufen. Und ich verschwinde auch, keine Ahnung, wohin der Weg führt, aber das wird das Spannende daran sein.

"Sie dürfen Mona ruhig loben."
"Wie geht das?"
"Klopfen Sie ihr auf den Hals."
Sie macht es vor, ich mache es nach.
Mona schnaubt.
"Was heißt das?"
"Zufriedenheit."

"Möchten Sie mal 'schneller' ausprobieren?"
Ich nicke.
Sie klopft mit der Gerte nach Mona und erwischt mein Bein. Zieht ein bisschen.
Schließlich läuft Mona etwas schneller. Angenehm. Es kitzelt ein wenig im Magen, der Körper schwingt besser mit, Pferd und Reiter scheinen ein Stück weit mehr eins zu werden.

Nun geht es über eine Wiese. Mona versucht, nach den frischen Pflanzen zu schnappen.
Die Therapeutin ruft von hinten, das sei für die Pferde, als würden sie über einen vollen Pizzateller laufen. Mona tritt versehentlich in Loch. Dann biegen wir um die Ecke. Mona erschrickt über ein Handtuch, das über dem Zaun hängt und legt abrupt den Rückwärtsgang ein. Seltsamerweise fühle ich keine Angst. Ich beobachte einfach nur, was passiert. Die Therapeutin kommt herbei gerannt und hilft Mona zu bändigen. "Alles ok?" Ja ja. Gucken Sie lieber nach Mona. "Na, du bist mir eine, Mona", schimpft sie.
Pferde seien Fluchttiere und können sich nicht verteidigen, und alles Neue wie dieses Handtuch sei erst mal eine potenzielle Gefahr, erklärt sie mir. "Schon okay, ich bin auch ein Fluchttier." Gelächter. Na ja, manchmal. Ich habe zwei Gesichter.

"Soll ich ihnen zeigen, wie man absteigt? Rechtes Bein herüber schwingen und dann runter rutschen lassen." Klopf klopf, auf den Hals. Mona schnaubt. Und dann steht sie im Stall und stampft mit den Beinen, bis die Futterschüssel kommt. Der Apfel wird zuerst verspeist.

"Ja, wie war es?"
Gut.
"Sympathie für Mona", notiert sie bei mir.
"Bis nächste Woche... Ach nein, wir sind ja jetzt zwei Wochen im Urlaub. Die meisten von Ihnen habe ich heute das letzte Mal gesehen, alles Gute."

Na dann.

Asthmator

Tagesklinik. Die Krankenschwester trägt einen großen Standventilator herein, schält ihn ein und lässt sich seufzend davor nieder.
"Machen Sie das Ding aus", mault eine Mitpatientin, "ich werd´ davon immer gleich krank".
Die Schwester rückt ihren Stuhl so hin, das sie im Luftstrom zwischen Ventilator und der maulenden Patientin sitzt.
"Ja, so ist es besser."
"Ist es wirklich so schlimm bei Ihnen?"
"Ja, ich erkälte mich dann immer gleich. Außerdem ist es nicht gut für mein Asthma."
Die Krankenschwester deutet auf die rote Zigarettendose der Patientin.
"Und das ist gut für ihr Asthma?"
"Äh... Ich rauch ja nicht, ich paff ja nur. Das ist ja dann nicht ungesund."
"Ja ja, ganz gesund... Steht in der Ernährungspyramide sicher zwischen Tomate und Paprika", erwidert die Schwester.

Stille.

Mittwoch, 24. August 2016

Übergänge

"Du gehst heute?"
Die Mitpatienten gucken mich entsetzt an. Habe die Reisetasche in der Hand und die vollgestopfte Handtasche in der anderen.
"Ja, ich werde heute entlassen, aber ich komme morgen in die Tagesklinik."
"So schnell schon?"
"Ja, es sollte nahtlos sein."

Schweigen.

"Tut mir leid, dass ich mich immer so abgeschottet habe."
"Das macht doch nichts, wir verstehen das", sagt jemand. "Du gehörst doch zu uns", sagt eine andere Stimme neben mir.
"Es war schön euch kennen gelernt zu haben", sage ich.
Als wir uns drücken, schießen mir die Tränen in die Augen. Sind teilweise so liebe Leute hier.

Und dann steh ich draußen, der Wind bauscht mir meine in den letzten Wochen ziemlich strohig gewordenen Haare ins Gesicht. Die Sonne ist viel zu hell für meine dunkle Welt, aber angenehm warm auf der Haut. In den letzten zweieinhalb Monaten hab´ ich einfach mal so 12 kg verloren (aber keine Sorge, ist noch genug Speck da) und ich bin gefühlt um 30 Jahre gealtert. Man macht sich bei chronischen Krankheiten halt so seine Gedanken- wie oft denn noch? Aber denken soll man das ja nicht und im Hier und Jetzt leben. Nur wenn das Hier und Jetzt sich gerade ziemlich beschissen anfühlt, ist das auch kacke.

Vollgepumpt mit Medis torkle ich die Treppe zum Parkplatz herunter, nicht ohne eine letzte Zigarette auf dem Bänkchen zu rauchen, von der mir schlecht wird.

Tschüss, "beschützende Käseglocke"- das Leben hat mich wieder. Na ja, fast.

Schenkelklopfer

Als ich gerade den Gang mit meiner Tasse "Schlaf- und Nerventee" herunter gehe (Schwester F. schwört darauf, auch wenn er bitter ist und nach Gras schmeckt), kommt mir P. wieder entgegen. Nackt, den dünnen Körper in ein riesiges Duschtuch gehüllt, auf dem Weg zur Gemeinschaftsdusche.
Kann er sich nicht in der Dusche an- und ausziehen wie jeder andere hier auch?
Bin etwas gereizt über den Anblick alter blasser Haut und die freie Aussicht auf die Brust. Nichts gegen das Alter, aber...
"Beate", sagt er zu mir (ah, er hat meinen richtigen Namen schon wieder vergessen), "ich kenne einen tollen Witz über Depressionen."
Mein Blick fällt auf seine nicht gerade gepflegten Füße in den Badelatschen und ich ekle mich. Werde erst morgen wieder duschen, wenn die Reinigungskraft da war.
"Ja?", frage ich gequält.
"Treffen sich zwei, sagt der eine: Ich hab´ eine Depression und krieg sie nicht los, sagt der andere: Versuch´s doch mal bei Ebay."

Wir haben offensichtlich nicht den gleichen Humor.

Wir sitzen alle im selben Boot

Nach ca. einer Woche darf ich auf die "Offene". Nach dem Frühstück reißt der Pfleger die Tür auf und ruft: "Sie kommen runter. In zehn Minuten, wenn Sie wollen. Packen Sie ihre Sachen."
Ächz. Immer langsam, ich vertrage gerade überhaupt keinen Stress.
Ist aber ein gutes Gefühl, als die Tür aufgeht und mein Bett rausgeschoben wird.
Ich bekomme meine Nagelfeile und meine Schere zurück. Zu Beginn wird einem alles abgenommen, womit man "Unsinn" machen könnte.
Der Arzt schüttelt mir freundlich die Hand. "War eh nicht die richtige Station für Sie."
Na dann.

Die Station darunter sieht wesentlich heller und schöner aus. Es gibt auch wieder offen herum liegende Kabel, Bilder an den Wänden und gefüllte Putzmittelflaschen in der Küche. Auf dem Gang steht ein kleiner Tisch mit einer Duftlampe und einem knienden Buddha. Und statt wortkargen, resoluten Pflegern gibt es nun (meist) freundliche Krankenschwestern, die jederzeit ein offenes Ohr für ein Gespräch haben wollen. Wenn sie nicht selbst gerade im Stress sind, was der Job so mit sich bringt.

Mein erster Gang in die Freiheit: Erst mal eine rauchen.
Der Fahrstuhl ist voll. Er fährt erst ins Untergeschoss.
"Da wollte ich aber nicht hin", mault der dünne, zittrige Mann mit den kurzen grauen Haaren und der Brille mir gegenüber.
"Ne, da gibt´s eh nur Bettwäsche", erwidere ich.
"Da unten ist die Leichenhalle", korrigiert er mich. Ich mag es nicht, wenn man mich korrigiert.
"Aber da will ich noch nicht hin", sagt er. Und das der Tod schneller käme, als man denkt.
"Lassen Sie mich raten, Sie sind auch wegen Depressionen hier", sage ich.
Er schüttelt den Kopf.

Ich setze mich in den Raucherpavillon, er setzt sich mir gegenüber. "Kannst ruhig 'du' zu mir sagen, ich bin der P." Oh nein, er möchte sich unterhalten. Lass mich doch bitte in Ruhe eine rauchen.
P. möchte wissen, warum ich da bin, er guckt traurig. "Wirf das Leben nicht weg, es geht immer weiter." Ja ja, ich weiß.
Und er erzählt. Er sei der Leiter einer Apotheke. Er plappert viel über Medikamente und deren Wirkungen und will wissen, was ich nehme. "Und warum sind Sie -bist du- da, P.?"
"Ich hab´ zu tief ins Glas geschaut. Das war meine Art der Stressbewältigung."
Er zittert und zündet eine zweite Zigarette an.
"Und dann hast du einen Entzug gemacht?"
Muss mich etwas zwingen, Interesse zu zeigen, aber ich bemühe mich, meine Isolation zumindest zeitweise zu verlassen.
Er nickt.
"War bestimmt hart."
Er nickt wieder. Das wolle er nie mehr durchmachen müssen. Es sei aber schon das zweite Mal.
Sicher, dass du nicht auch Depressionen hast, P.?, denke ich. Ich verkneife mir aber, etwas zu sagen. Der Herr Apotheker wird später noch mehrmals betonen, dass er keine Depressionen habe und keine Medis brauche. Es sei nur der Stress.

"Wir sitzen halt alle im selben Boot", sage ich stattdessen.
"Das tun wir. Alle hier." Er macht eine ausladende Geste Richtung Krankenhaus.

Ich drücke die Zigarette aus und gehe spazieren.

Und was hast du?

Leider gibt es hier nur einen Gemeinschaftsraum, in dem man rauchen kann. Raus darf ich noch nicht. Ich sitze in der hintersten Ecke mit der Zigarette im Mund und kritzle Skizzen auf meinen Block. Sprecht mich nur nicht an, soll meine Haltung ausstrahlen. Ich will einfach nur meine Ruhe.

Am Nebentisch sitzt eine junge Frau und unterhält sich mit einem Mann. Er hat eine Psychose und wirkt irgendwie gedämpft und schwerfällig. "Und was hast du?", fragt er die junge Frau. Sie hat kurze braune Haare und wirkt sehr smart, aber in sich gekehrt. Ist mir sympathisch. "Ich hab´ versucht mir mit der Flex die Pulsadern aufzuschneiden. Das hat gesaftet. Überall war Blut." Sie zeigt den dicken Verband an ihrem Arm. Brauche ein paar Sekunden, um das Gehörte zu verdauen.

"Und was hat die?", fragt er weiter. Er zeigt mit dem Kopf auf mich.
"Weiß ich nicht", sagt sie.
"Was hast du?", fragt er mich. Ich zucke zusammen. "Psychose?"
"Depression", murre ich.
"Auch schlimm", sagt er. "Du bist noch so jung."

Ich packe meine Sachen und gehe. Genug menschliche Interaktion für heute.

Ich bin deine Mutter!

Krankenhaus, Akutpsychiatrie. Als ich vom Mittagessen in mein Zimmer zurück kehre, liegt eine fremde Frau auf meinem Bett. Sie trägt eine weiße Unterhose und ein korallenfarbenes Shirt.
"Sie haben sich im Zimmer geirrt", sage ich. "Das ist mein Bett."

"Nein!", sagt die Frau. "Dieses Bett ist mir gerade zugeteilt worden!" Ihre Stimme klingt etwas trotzig. Ich mache mich seufzend auf die Suche nach einem Pfleger. Alle weg. Wahrscheinlich in der Übergabe. Als ich zurück kehre, ist sie verschwunden.

Zwei Tage später. Die Zimmertür geht auf, sie kommt herein. Wieder ohne Hose. "Falsches Zimmer!" rufe ich ihr genervt entgegen. Sie schließt die Tür hinter sich, guckt mich herausfordernd an. Eigentlich sieht sie ja ganz normal aus. Wie eine Büroangestellte. Ein modischer Kurzhaarschnitt, dunkelrot gefärbt, eine hübsche Kette um den Hals. Wäre da nicht dieser wirre Blick. Bestimmt hat sie eine Psychose und rafft es gerade nicht mehr.

"Würden Sie bitte gehen?"- Sie schaut mich wieder so trotzig an. "Ich bin deine Mutter!", faucht sie. Was mir einfalle. Ach so. "Na dann Mama, raus aus meinem Zimmer!, spiele ich das Spiel mit. "Warte Kind", ruft sie. "Ich hol dir ein Französischbuch." Sie verschwindet und kommt nicht zurück. Ich atme auf.

Kurz darauf sehe ich sie auf dem Gang stehen. Immer noch ohne Hose. Dafür trägt sie nun meinen Sommerschal um den Hals. Der mit dem Ethno-Muster, den ich in B. gekauft habe. Sie erklärt dem Pfleger, dass sie spazieren gehen wolle. "Ziehen Sie sich endlich eine Hose an!", mault der Pfleger. Nach einer kurzen Diskussion zwischen Frau und Pfleger habe ich meinen Schal wieder. Ich stopfe ihn verstört zu meiner Schmutzwäsche in die Reisetasche.

Etwas später sehe ich sie auf ihrem Bett liegen, als ich den Gang hinauf gehe. Die Zimmertür steht auf. Sie schnarcht lauthals, nicht zugedeckt und immer noch ohne Hose. Bestimmt hat man sie ruhig gestellt.

Irgendwie tut sie mir ja leid.